{"id":680,"date":"2019-12-14T16:48:31","date_gmt":"2019-12-14T16:48:31","guid":{"rendered":"http:\/\/hildegard-jaekel.de\/?page_id=680"},"modified":"2019-12-14T16:51:33","modified_gmt":"2019-12-14T16:51:33","slug":"dirk-schwarze-die-vielen-schichten-der-malerei","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hildegard-jaekel.de\/?page_id=680","title":{"rendered":"Dirk Schwarze: Die vielen Schichten der Malerei"},"content":{"rendered":"\n<p>Ausstellung Hildegard Jaekel in der Adventskirche, Kassel<\/p>\n\n\n\n<p>Diejenigen unter Ihnen, die bisher Hildegard Jaekel und ihr Werk nicht kannten, haben aber mit Sicherheit eine ihrer Arbeiten bewusst oder unbewusst wahrgenommen. Ich meine jene Skulptur im \u00f6ffentlichen Raum, die 1989 in unmittelbarer Nachbarschaft aufgestellt worden ist, die sich bescheiden und so unauff\u00e4llig gibt, dass sie leicht zu \u00fcbersehen ist, die aber ungeheuer komplex und voller Sprengkraft ist. Es ist \u201eDer Stuhl des Chefredakteurs Karl Marx\u201c auf dem Karl-Marx-Platz.<br> Da diese Arbeit programmatisch f\u00fcr das Schaffen von Hildegard Jaekel ist, m\u00f6chte ich noch einen Moment bei ihr verweilen. Wer die Skulptur zum ersten Mal genau betrachtet, muss unwillk\u00fcrlich l\u00e4cheln. Denn zu offensichtlich sind die Missverh\u00e4ltnisse, die uns die K\u00fcnstlerin vorf\u00fchrt: F\u00fcr den gro\u00dfen Karl Marx gibt es nur einen kleinen, einen winzigen Messingstuhl, der dazu noch auf einer drei Meter hohen Stele unerreichbar \u00fcber unseren K\u00f6pfen schwebt. Wird hier Karl Marx in den Himmel gehoben oder soll er gegen Null verkleinert werden?<br> Hildegard Jaekel offenbart in dieser Arbeit beispielhaft ihren Sinn f\u00fcr Witz und f\u00fcr die Zuspitzung von Widerspr\u00fcchen. Und diese Widerspr\u00fcche gibt es zuhauf. Das f\u00e4ngt damit an, dass der Karl-Marx-Platz, auf dem die Skulptur steht, gar kein Platz ist, sondern eine kleine Verkehrsinsel, ein Zufluchtspunkt f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger inmitten sich kreuzender Fahrbahnen und Gleise. Was m\u00f6gen die Verantwortlichen gedacht haben, als sie dieser Fl\u00e4che versch\u00e4mt den Namen Karl Marx gaben? Wollten sie den Autor des \u201eKapitals\u201c ehren, ohne sich allzu sehr zu ihm zu bekennen? Ohne Hildegard Jaekels Beitrag zum \u201eProjekt Heimat\u201c w\u00fcssten wahrscheinlich die wenigsten von uns, dass diese Fl\u00e4che einen Namen hat.<br> Als Hildegard Jaekel in der Vorwendezeit ihre Skulptur plante, galten Marx und sein Werk als \u00fcberholt und als im sogenannten realen Sozialismus missbraucht. Die K\u00fcnstlerin wandte sich mit ihrer Arbeit also gegen den Zeitgeist, um gleichzeitig in dem miniaturiserten Stuhl diesem Zeitgeist ein Denkmal zu setzen.<br> Aber nicht nur inhaltlich, auch formal fesselt diese Arbeit, denn in dem dreieckigen Sockel und in der ebenfalls dreieckigen Stele nimmt die K\u00fcnstlerin die Form und Proportion des Platzes auf. Dar\u00fcber hinaus lie\u00df Hildegard Jaekel in den Beton, aus dem die Stele und der Sockel gegossen wurden, Granitsplit mischen, um damit einen Bezug zur Platzoberfl\u00e4che herzustellen.<br> Durch die Skulptur wird der st\u00e4dtebauliche Unort in unser Bewusstsein geholt und mit einem Stadtzeichen versehen. Jetzt hat auch die Marx-Ehrung ihren Platz in Kassel. Wir k\u00f6nnen dem Verein Kassel-West nur danken, dass er 2006 die Initiative ergriff, sich \u00fcber das Votum des Kunstbeirats hinwegsetzte und mit Hilfe einer Spendenaktion die Skulptur dauerhaft sicherte.<br> Hildegard Jaekel, die ihren Atelierraum an der Quiddestra\u00dfe zu einem offenen Begegnungsraum f\u00fcr Kunst gemacht hat, ist in den vergangenen Jahren vornehmlich als Malerin hervorgetreten. Sie selbst f\u00fchlt sich aber in erster Linie als Bildhauerin. Sie will im und f\u00fcr den Raum gestalten, Stimmungen bildhaft ausdr\u00fccken, Bez\u00fcge herstellen und Zust\u00e4nde und Entwicklungen pointiert kommentieren. Ihre plastischen Arbeiten sind deshalb oft mehr als nur Skulpturen, es sind kleine Installationen, die B\u00fchnenbildern gleichen.<br> Mal geht die K\u00fcnstlerin eher vom gefundenen Material aus, mal fasziniert sie eine Idee, die sie ausspielen will. Immer drehen sich diese Arbeiten um den Menschen, um seinen Ort, um sein Verh\u00e4ltnis zur Welt und zu den anderen, um K\u00f6rperlichkeit und Einsamkeit, um das vitale Leben und die Leere. Der in der Barockzeit so gern benutzte Begriff Vanitas, der meint, dass alles eitel und verg\u00e4nglich sei, geh\u00f6rt zum Selbstverst\u00e4ndnis vieler Arbeiten aus dieser Werkstatt. Auf faszinierende Weise hat Hildegard Jaekel in diesem Sinne ein Endzeitbild geschaffen: Eine Bleiplatte und eine auf ihr liegende Glasscheibe lassen das Bild einer spiegelnden Wasserfl\u00e4che entstehen, das Bild eines bleiernen Sees. Darauf liegt, Schatten werfend, ein dunkles Boot. Es ist schlammig, so als w\u00e4re es untergegangen und aus der Tiefe gehoben. Im Boot sieht man den gebrochenen Mast und auch Stoffreste liegen, Spuren des Lebens. Das Ende der letzten Fahrt, das Ende des Lebens ist erreicht.<br> W\u00e4hrend bei Hildegard Jaekel die Gem\u00e4lde keine Titel tragen, zeugen die Titel der Objekte und Installationen von einer \u00fcberbordenden Lust am Erz\u00e4hlen. Die Bildhauerin will auf die Erfahrungen und Erlebnisse reagieren, sie will Geschichten erz\u00e4hlen und Botschaften \u00fcbermitteln. Dem Boot auf dem bleiernen Grund hat sie ein Zitat von Lord Byron beigegeben. Eine andere Arbeit tr\u00e4gt den Titel: \u201e\u2026 und am Ende wird gewogen\u201c. Man sieht eine Metallstele, auf der ein spiegelndes Glas befestigt ist. Darauf liegt ein halbrunder Keil, der sich \u2013 je nach Belastung \u2013 nach rechts oder links neigen kann. Die zur Schaukelbewegung einladende Form wirkt spielerisch, ist aber bedeutungsschwer: Was kann am Ende in die Waagschale geworfen oder hier auf den halbrunden Keil gelegt werden? Dieser Keil sieht ebenso metallisch aus wie die Stele. Doch in Wahrheit handelt es sich um ein mit Schlamm \u00fcberzogenes St\u00fcck Holz, das die K\u00fcnstlerin so lange geschliffen hat, bis der metallische Glanz hervortrat. Auf der Unterseite ist das Holz rot bemalt. Das wie eine Lebenslinie wirkende Rot wird vom spiegelnden Glas sichtbar gemacht. Das Rot strahlt als Lebenslinie in den Raum ab: Aus dem Verborgenen tritt eine leuchtende Kraft hervor.<br> Gelegentlich entstehen auch Skulpturen, die keine offensichtliche Botschaft in sich tragen. Dazu geh\u00f6ren die vier Erdstelen. Sie sind mit Schlamm \u00fcberzogen und wirken so, als k\u00f6nnten sie \u00fcber sich selbst hinaus in die Vergangenheit weisen, als w\u00e4ren aus den Tiefen der Geschichte geborgen. In drei der vier Stelen sind zwei H\u00f6lzer durch straff gezogene Seile eng miteinander verbunden. Diese Arbeiten verraten einen Ansatz zum Fig\u00fcrlichen. Es ist, als seien die aufragenden Figuren auf Gedeih und Verderben aneinander gekettet.<br> Die mit Erdschlamm \u00fcberzogenen Stelen sind Zeichen f\u00fcr das Werden und Vergehen. Denn immer noch sind in Anlehnung an die Sch\u00f6pfungsgeschichte Erde und Staub Sinnbilder f\u00fcr den Anfang und das Ende des Lebens. Damit komme ich wie von selbst zur Malerei von Hildegard Jaekel, denn sie hat die klassischen \u00d6l- und Acrylfarben hinter sich gelassen, um ausschlie\u00dflich mit Erden, Aschen und St\u00e4uben zu malen. Vielen ihrer Gem\u00e4lde sieht man den Ursprung der Malmittel nicht an, weil die K\u00fcnstlerin im Lauf der Jahre eine meisterhafte Technik entwickelt hat, um aus den groben Erden feink\u00f6rnige Farben zu gewinnen, die mit Hilfe von Bindemitteln auf die Leinw\u00e4nde aufgetragen werden k\u00f6nnen.<br> Mit ihrer Malerei hat uns Hildegard Jaekel einen neuen Zugang zur Wirklichkeit ge\u00f6ffnet. Gewiss, wir wissen, dass es neben schwarz-brauner etwa auch rote Erde gibt. Doch diese Farbenvielfalt, die Hildegard Jaekel aus den Erden herausgeholt hat, h\u00e4tten wir uns vor der Begegnung mit diesem Werk nicht vorstellen k\u00f6nnen. Vom Wei\u00df \u00fcber Gelb- und Ockert\u00f6ne, \u00fcber Gr\u00fcn und Schwarz sind fast alle Farben zu finden, zwar, wie die K\u00fcnstlerin betont, auf einem recht schmalen Spektrum, aber doch mit einer erstaunlichen Strahlkraft. Asche und Steinstaub erweitern dort dien Farbraum, wo die Erden passen m\u00fcssen.<br> Hildegard Jaekels Bilder ergeben in der Summe einen Atlas der Erdfarben. Denn sie hat nicht nur an unterschiedlichsten Standorten in Kassel und Umgebung Erdfarben gewonnen. Mittlerweile kann sie sich darauf verlassen, dass ihr Freunde aus aller Welt Erdproben mitbringen. Dadurch hat sich nicht nur die Palette erweitert, sondern dadurch hat sich in die Gem\u00e4lde eine Erz\u00e4hlstruktur hineingeschoben, die die Farben verortet und mit unterschiedlichen St\u00e4dten und L\u00e4ndern verbindet. Insofern stimmt nicht ganz, dass die Bilder keine Titel h\u00e4tten. Denn die Herkunftsbezeichnungen der Farben und Materialien gewinnen den Charakter von Titeln. So hei\u00dft es etwa zu einem 2008 gemalten Bild: \u201egemalt mit Erden aus Deutschland (Kassel), S\u00fcditalien (Mola di Bari), S\u00fcdfrankreich (Roussillon), Kaolin, Rosenholzasche, Ru\u00df auf Leinwand\u201c. Die Farben sind also Tr\u00e4ger einer zweiten Wirklichkeit. Sie sind nicht mehr abstrakte und bindungslose Malmittel, die \u00fcberall in gleicher Qualit\u00e4t zu haben sind, sondern sie stellen Beziehungen zu L\u00e4ndern und Orten sowie deren Geschichte her.<br> Aber es ist nicht nur die ungew\u00f6hnliche Herkunft der Farben, die Hildegard Jaekels Malerei so reizvoll macht. Es sind die in den Farbpigmenten verborgenen Stoffe, die den Gem\u00e4lden ihre Ausdruckstiefe geben. Weil beispielsweise in den aus Erde und Steinen gewonnenen Farben Mineralien enthalten, die auf Licht unterschiedlich reagieren, ver\u00e4ndern sich mit dem Standort und der Beleuchtung die Farben und Kompositionen auf erstaunliche Weise. Die Gem\u00e4lde, die Sie hier sehen, wirken in dem Kirchenschiff v\u00f6llig anders als im Atelier. Und wenn Sie bei Tages- und Sonnenlicht wiederkommen, werden sie wiederum anders wirken.<br> Gleichzeitig hat diese Malerei etwas Existenzielles, denn die aufgetragenen Erdfarben, St\u00e4ube und Aschen, entstammen dem Boden, in und auf dem sich Leben und Vergehen vollziehen, sie sind also Zeugen des Sch\u00f6pfungskreislaufs. Das hei\u00dft, dass diese Malerei in mythische und religi\u00f6se Dimensionen verweist, allerdings auf eine stille, fast verschwiegene Weise.<br> Eine \u00e4u\u00dferst vielschichtige Malerei, bei deren Betrachtung ich erst im vierten Schritt zu der Ebene komme, die uns generell am meisten besch\u00e4ftigt \u2013 die Komposition, beziehungsweise die Form der Darstellung. Die meisten Gem\u00e4lde von Hildegard Jaekel kann man als abstrakt bezeichnen. Schicht um Schicht wird aufgetragen. Die Bilder wachsen heran, und manchmal ist die eine Schicht so massiv und grobk\u00f6rnig, dass das Bild eine k\u00f6rperliche Kraft gewinnt.<br> Die Bilder strahlen gro\u00dfe Ruhe aus. Dazu tr\u00e4gt bei, dass die Gem\u00e4lde \u00fcberwiegend quadratisch angelegt sind. Doch so ganz losgel\u00f6st von r\u00e4umlichen Vorstellungen sind die abstrakten Gem\u00e4lde nicht. Da deuten sich unterhalb von Kanten Schatten an, da entstehen Faltungen und dort erweitern sich Fl\u00e4chen zu perspektivisch angelegten R\u00e4umen. Man sp\u00fcrt den Gestaltungswillen und erz\u00e4hlerischen Ansatz, doch am Ende dominiert das freie Spiel mit den Farbschichten.<br> Daneben freilich gibt es im Werk von Hildegard Jaekel eine v\u00f6llig andere Linie \u2013 die Auseinandersetzung mit der menschlichen Figur, mit dem weiblichen Akt. Ein Beispiel sehen Sie hier an prominenter Stelle. Es ist eine Gestalt von ungeheurer Pr\u00e4senz, die f\u00f6rmlich aus der Bildebene hervortritt. Vor schwarzem Grund sieht man eine r\u00f6tliche Figur, deren Rundungen herausgearbeitet sind und die in sich ruhend und ganz diesseitig erscheint. Der nach unten geneigte Kopf zeigt an, dass die Gestalt in sich gekehrt ist. Sie wirkt wie eine Erdmutter.<br> Die Arbeit ist ein Diptychon, das hei\u00dft, dass sie aus zwei Bildteilen besteht. Das schmale rechte Bild, f\u00e4ngt f\u00f6rmlich die Kraft der Figur auf. Es leuchtet als ein gr\u00fcnlicher Farbraum und unterstreicht die Plastizit\u00e4t der anderen Tafel und verhilft der ganzen Komposition zu einer gro\u00dfen Offenheit.<br> Die Rott\u00f6ne des K\u00f6rpers hat die Malerin aus der Erde Teneriffas gewonnen. Das exotische Gr\u00fcn hingegen ist ganz bodenst\u00e4ndig. Es stammt aus den Tiefen der Erde im Bereich des Botanischen Gartens im Park Sch\u00f6nfeld. 28. 10. 2011 <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausstellung Hildegard Jaekel in der Adventskirche, Kassel Diejenigen unter Ihnen, die bisher Hildegard Jaekel und ihr Werk nicht kannten, haben aber mit Sicherheit eine ihrer Arbeiten bewusst oder unbewusst wahrgenommen. 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